Kulturzelt Kassel – Von Wegen Lisbeth

Kulturzelt Kassel 07.08.2018

Kassel.

Nach Jahre andauerndem Erfolg ist es als Band von enormer Bedeutung, den Kontakt zum gemeinen Pöbel nicht zu verlieren. Nur wer das Ohr an die Schienen der Streets legt, kann das Volk auch erfolgreich unter Kontrolle halten. Nach den Sekteskapaden auf dem Appletree Garden Festival wird also schleunigst eine Krisensitzung einberufen, welche traditionell mit drei Saunagängen eingeläutet wird, bevor man sich bei Lachshäppchen und leichter Klassikmusik um die drängenden Probleme kümmert. Durch wissenschaftlich erprobte und höchst effiziente Diskussionstaktiken werden zwei mögliche Lösungen herauskristallisiert:
1. Man steigert das tägliche Eskalationslevel noch einmal um 324, feiert brutal exzessive Backstagepartys und orientiert sich auf der Bühne abwechselnd an Pete Doherty und Britney Spears. In ein paar Jahren stürzt man dann komplett ab, bricht anschließend den Weltrekord im Rauchen und feiert bei Bachelor in Paradise ein gelungenes Comeback.
2. Man besinnt sich auf seine Wurzeln, welche bekanntlich in Berlins ehemals gefährlichstem Bezirk Lankwitz 46 liegen und gibt sich wieder Down to Earth als wäre man das gottverdammte Ozzy-Osbourne-Album.
Nachdem Julian probeweise drei Kippen gleichzeitig raucht und dabei eine merkwürdige Gesichtsfarbe bekommt, entscheidet man sich notgedrungen für Variante 2.
Zum Konzert in Kassel fährt man also nun nicht wie gewohnt im Nightliner, sondern setzt sich selbst hinter das Lenkrad eines handelsüblichen Sprinters, dem man aus Street-Credibility-Gründen den Namen „Highway Tiger“ verpasst. Robert hat der Gruppe ein paar Butterstullen geschmiert, Matze seine alte Wu-Tang-CD rausgekramt, es werden locker flockig ein paar Lines gespittet, Julian schreibt sich aufmerksam das Rezept aus der neuen Folge „Trap House Kitchen“ heraus. Man merkt der Gruppe die Befreiung aus den Zwängen der Oberschicht sichtlich an, es dauert zwar ein bisschen, bis die Freestyles wieder annehmbare Ergebnisse liefern aber Curse hat seinen Track „Und was ist jetzt“ bekanntlich auch nicht an einem Tag geschrieben.
In Kassel angekommen, nimmt man vor lauter Volksnähe nicht nur ein Bad in der Menge, sondern gleichzeitig auch in der nahegelegenen Fulda. Robert hat einen kleinen Rückfall, übertreibt es und springt von einer 27 Meter hohen Brücke. Es gibt Abzüge in der Körperspannung und beim Eintauchen aber er lebt – Thug Life.
Das Konzert ist eine kuschlig warme Angelegenheit, es liegt so viel Liebe und positive Energie in der Luft als hätte Philipp Poisel für alle eine Runde heiße Schokolade gekocht. Nach der Show gönnt man sich in der Bar Franca eine Pizza, die innen noch gefroren ist und fällt nur wenige Minuten später in einen glücklichen und traumlosen Schlaf.